Exakt 3 Sekunden vor Schluss fällt das Siegestor. Nun ja, das soll vorkommen im Fussball. Aber wenn während der vorher gelaufenen 92 Minuten und 57 Sekunden wirklich nur die Zeit und kaum ein Spieler richtig lief, dann ist das schon erwähnenswert.
So geschehen beim ersten Spiel der Schweizer Fussballnationalmannschaft an der WM in Brasilien.

Die 92. Minute läuft: Valon Berahmi grätscht fast am Elfmeterpunkt in den Gegner, trifft präzise den Ball (falls nicht: Penalty, Sieg für den Gegner)
Der ganze Ablauf scheint mir magisch. Es mahnt mich wieder einmal daran, dass ein 0:0 nach 90 Minuten so etwas wie ein pünktlich geliefertes, «ansprechendes» Manuskript ist.
Man kann sich arrangieren damit. Aber es ist nicht das Optimum. Für dieses Optimimum hätte es noch einmal einen letzten Energieschub gebraucht.
Genau das ist es oft, was den Unterschied macht. Wenn auf dem letzten Drücker noch einmal die ganze Energie verwendet wird, um das noch Bessere herauszuholen.
Alle 11 Spieler und die beiden Einwechslungsspieler beim erwähnten Fussballmatch haben sich bemüht. Und ebenso bemühend war es, zuzuschauen.
Dann dies: drei Spieler kommen innerhalb von 20 Sekunden in einen geheimnisvollen Temporausch. Und ermöglichen den Sieg im letzten Moment.
Valon Behrami, ein Chrampfer und Kämpfer, verhindert mit einer Grätsche (im eigenen Strafraum) den Torschuss eines Gegners.
Er erläuft den Abpraller und sprintet mit dem Ball nach vorne. Etwa 25 Meter vor der Mittellinie wird er gefoult, überschlägt sich.


Behrami steht nach dem Foul noch in der Drehung wieder auf und rennt mit dem Ball weiter, um ihn zum Stürmer zu spielen.
Ich habe mir erstmals im Leben die Mühe genommen, diese wenigen Spielzüge zu rekonstruieren. Weil, ich gebe es zu, ich mich schon abgefunden hatte mit dem mageren Unentschieden.
Und weil ich auch ab und zu bei meiner Arbeit mir die Frage stelle: «Lohnt sich das jetzt noch?» – Die Antwort ist hier klar. Immer. Meistens. Auf jeden Fall versuchen.

Der Schiedsrichter erkennt sofort den Vorteil, lässt das Spiel weiterlaufen. Behrami gibt den Pass zu Seferovic. Unten läuft Rodriguez mit.

Haris Seferovic leitet den Ball quer übers Feld zum mitlaufenden Abwehrspieler Ricardo Rodriguez. Der nimmt Fahrt auf bis zur Höhe des 16-Meter-Raumes und schlägt einen scharfen Flachpass vor die Torecke. Gleichzeitig war Haris Seferovic in höchstem Tempo dort hingeeilt.
Einen Schritt vor dem Torwart braucht er nur noch seine Fahrt auszunutzen, um den Ball ins Netz zu setzen.

Seferovic läuft in hohem Tempo diagonal über den Platz in Richtung vordere linke Torecke. Davor bewegt sich auch Shaquiri, der ohne sich umzudrehen die andere Torecke ansteuert.


Der Flachpass von Rodriguez kommt genau in den Lauf von Seferovic (Shaquiri rechts am Fünfmeterraum kommt zu Fall).
Es bleibt unerklärlich. Aber es macht ein Mannschaftsspiel so faszinierend: Warum und wieso spielt sich das alles so ab. Wie kommt es, dass das Timing exakt stimmt, die Präzision da ist, «das Glück erzwungen» wird?
Eine solche Spielkombination lässt sich wohl nie genau ergründen. – Aber es lässt sich immer wieder versuchen, auf den letzten Metern, in den letzten Minuten noch einmal alles zu geben.

